Zwei-Tonnen-Autos im Stadtverkehr: Muss das wirklich sein?
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Ist unsere automobile Welt wirklich schon so dekadent oder bildet sich der Autor das alles nur ein?
Morgens um kurz nach 8.00 Uhr. Mit etwas verschlafenen Augen stehe ich am Tresen beim Obst-Händler und schaue raus durchs Schaufenster auf den Parkplatz. Anscheinend zu lange, denn mein freundlicher Gemüse-Verkäufer fragt: „Ihre Frau?“ – „Nein, nein“, antworte ich, langsam zurück in der Realität, „ich wundere mich nur manchmal über Leute mit so großen Autos.“ Immerhin stieg die Frau in einen Audi Q7 ein, ganz allein, es war wohl ein V8.

Mit dem V8-SUV direkt in den Biergarten: In manchen Albträumen wird gutes Auto-Benehmen immer seltener.
„Wissen Sie“, erkläre ich dem interessiert lauschenden Türken, „das Ding wiegt weit über zwei Tonnen und verbraucht so gut wie nie unter zehn Liter auf hundert Kilometer. Und dann gefahren von einer Person, wahrscheinlich nur fünf bis zehn Kilometer weit, ins Büro zu einem gut dotierten Job.“ – „Ich mag große Autos“, entgegnet mein Obst-Händler, „hatte Unfälle, war fast tot, große Autos sind sicherer.“ Er meint wohl eine alte E- oder S-Klasse oder so, denn mit dem Salat-Kopf in der Hand zeigt er grob gestikulierend in die Richtung eines solchen Autos auf dem Parkplatz. „Aber jetzt habe ich ein kleines Auto, Geländewagen, Maverick mit zwei Türen, kurzer Radstand, der fährt nicht gut und ich fühle mich oft wackelig darin“, fügt er hinzu. Und als er mir die Tüte mit dem Obst rüberreicht erklärt er zielsicher: „Ich suche wieder einen Mercedes, WE 124 oder so, der ist schwer und sicher.“
Auf dem Heimweg gehen mir moderne Elektro-Autos durch den Kopf – leicht, trotzdem sicher und mit einer Reichweite von nur 80 Kilometern, was für die meisten Auto-Nutzer in der Stadt ausreichen könnte.

Optimal für die drei Kilometer zum Kindergarten: Im Bild ein Porsche Cayenne S als Beispiel – bei Müttern sind auch Range Rover und X5 recht beliebt.
Die müsste es doch heute schon geben, wenn die Menschen sie haben wollten, oder? Dann wäre die Luft hier in unserem gutsituierten Villenviertel sicher noch besser. Plötzlich höre ich V8-Grummeln, dann rollt ein schwarzer Cayenne S an mir vorbei. Hinterm Steuer eine junge Frau mit zwei Kindern auf der Rückbank, vermutlich unterwegs zum Kindergarten. Gut, dass der Nachwuchs so früh an tolle Autos herangeführt wird.



Also alles was Recht ist! Sind wir wirklich schon so weit, dass es politisch unkorrekt ist, “dicke” Autos zu fahren? Abgesehen davon, dass es sich bei dem gestelzten Foto sicher um ein Werksfoto handelt, welches die feine “Lebenswelt” eines etablierten SUV-Ehepaares hochstilisieren soll, und abgesehen davon, dass man im Biergarten weder Capuccino noch Pelegrino trinkt. Abgesehen auch davon, dass man – nach maximal einer Halben, nota bene – mit dem Radl dorthin und nach Hause zurückfahren sollte.
Es mag also unkorrekt sein, mit dem Audi Q7 bis vor den Biergarten-Tisch zu fahren wie die beiden auf dem Bild. Aber verboten ist die Fahrt ins Grüne – gottlob – noch nicht. Und das ist auch gut so. Ich erwarte von meinen Mitmenschen die Toleranz, mich mit meinem V8 noch immer hinfahren zu lassen, wohin ich will. Es ist meinem Verantwortungsbewußtsein anheim gestellt, wie ich mit dieser Freiheit umgehe. Und wir sollten nach Mitteln und Wegen suchen, dies allen Autofahrern bewußt zu machen. Die Formel ist doch ganz einfach: Für jeden Weg das am besten geeignete Verkehrsmittel. Das ist der einzig richtige Ansatz, Verkehr zu fördern. So, und jetzt radel ich auf eine Halbe in den Biergarten!
Tjaaa, unsere Gesellschaft ist faul geworden. Vor etlichen Jahren sind Kinder auch noch alleine (und zu Fuß) zum Kindergarten und später zur Schule gegangen. Die Blagen heute sind einfach zu verwöhnt…
Aber diese Karren sind ja leider zu einer Art Statussymbol geworden:
Hassu keinen, bissu nix!
@adv.diabol: Ich denke nicht, dass es darum geht, irgendetwas zu verbieten oder als politisch unkorrekt darzustellen. Ich persönlich denke nur auch, dass man den alten Spruch “Mit Kanonen auf Spatzen schießen” durchaus auf das Autoauswahlverhalten einiger Autobesitzer anwenden kann.
Ein Auto, dass mich von A nach B bringt reicht. Wenn jemand ein größeres Auto haben möchte, dann ist das seine/ihre Sache und wer bin ich darüber zu urteilen. Wenn aber ein jeder bei der Wahl seines nächsten Autos mal kurz darüber nachdenkt, was er/sie denn wirklich _braucht_ könnte man shcon den ein oder anderen Liter Sprit sparen. Vom Platz in den knappen Parkzonen und Parkhäusern mal ganz zu schweigen.
Da ich ohnehin gegen eine (momentan leicht auflebende) Überregulierung durch wen auch imemr bin auch hier meine Meinung (und mein Verständnis des Artikels): Soll dohc jeder fahren was er will, aber mal drüber nachdenken, ob man das wirklich will (so mit allen konsequenzen) schadet bestimmt auch nicht.
Lieber adv.diabol,
Tatsache, der Q7 im Biergarten ist ein Werksfoto. Danach musste ich auch lange suchen, denn Audi und Porsche zeigen ihre grußen SUVs auf Pressefotos nicht in der Stadt, sondern nur auf freier Strecke und im leichten, sauberen Gelände.
Allein das zeigt doch, dass die Hersteller selbst Auto-Benehmen haben, offensichtlich mehr als ihre Kunden. Die Marketing-Strategen von Audi und Porsche wissen genau wo ihre Zwei-Tonnen-Mobile passend wirken und wie sie diese Geräte platzieren wollen…
Nix für ungut
Thomas Wüsten