Faszinierendes, Skurriles und Liebenswertes im Hamburger PROTOTYP
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In einem ganz speziellen Automobil-Museum stehen die Nachkriegsjahre des Automobilbaus und des Rennsports im Vordergrund. Aber die Sammlung bietet noch vieles mehr. Hören, sehen und riechen Sie selbst!
Gewiss, es gibt vielerorts in der Republik sehenswerte Automobilmuseen. Nicht nur die aufwändigen markenbezogenen Sammlungen etwa von Mercedes und Porsche in Stuttgart, von Audi in Ingolstadt und von VW in Wolfsburg oder das BMW Museum in der Bayernmetropole.

Eines der Prunkstücke im PROTOTYP: Ernst Neumann-Neanders Fahrmaschine von 1939. Überraschende Karosserieform und Details, Zweizylinder-JAP-Motor mit 55 PS; die Idee konnte aus Kostengründen nicht umgesetzt werden.
Auch in kleinen Winkeln wie Wolfegg bei Ravensburg, wo Automobil-Edelfeder Fritz B. Busch eine der größten privaten Autokollektionen zusammengestellt hat, oder in Amerang in der Nähe des Chiemsees kann der Autofan seine Lust an Historie ausleben. Sie alle zeichnen sich durch großes Engagement der Betreiber, unendliche Liebe zur Sache, hohe Professionalität oder Komplettheit oder einiges davon aus.
Aber was das wohl jüngste Projekt dieser Art auszeichnet: Das Museum „PROTOTYP“ in der Schanghaiallee nahe der Hamburger Speicherstadt erzählt seit April 2008 mit rund 40 Exponaten zum Teil skurrile Geschichten, schwerpunktmäßig aus der Nachkriegszeit des deutschen Automobilbaus und des in diesen Jahren von Improvisation lebenden Rennsports. Und das mit zum Teil einzigartigen automobilen Pretiosen, mit reichhaltiger, modern dargereichter optischer, textlicher und akustischer Hintergrundinformation und der erkennbaren Liebe zum Detail. Verwirklicht haben sich diesen Traum zwei junge Hanseaten, der letztlich auf „den Pioniergeist der damaligen Zeit“ zurückzuführen ist, „denn da gab es ja nichts“, woraus man landläufig Kraft- oder gar Rennwagen bauen konnte.
Die Hochachtung vor der Findigkeit der Enthusiasten in den schwierigen Jahren spiegelt sich in so manchem Sammlerstück wider – und das macht den besonderen Charme des „PROTOTYP“ aus. Es ist nicht unbedingt eine Zusammenstellung von besonders ästhetischen Karossen, sondern die Umsetzung von Ideen mit den bescheiden zur Verfügung stehenden Mitteln, die tüftlerische Lösung im Einzelfall, die diese Sammlung so speziell macht. Ein paar Beispiele:
Eines der Rennsportwunder der Vor-Wirtschaftswunder-Ära ist der „Fetzenflieger“ von Otto Mathé. Der österreichische Rennfahrer und Konstrukteur, der 1934 bei einem Unfall in einem Motorradrennen seinen rechten Arm verloren hatte, baute den sonderbaren, nur 395 Kilogramm leichten Monoposto mit 135 PS starkem Porsche-Motor 1952 um sein körperliches Handicap herum. Mit diesem „Fetzenflieger“ wurde er drei Mal österreichischer Staatsmeister. Fetzenflieger deshalb, weil die Motorabdeckung aus Leinenstoff bisweilen in Flammen aufging und in Fetzen über die Piste flog.
Zu den großen Nachkriegs-Rennheroen gehört auch der Hannoveraner Petermax Müller. Aus dem Chassis eines VW-Kübelwagens, einem auf stolze 78 PS leistungsgesteigerten Käfer-Motor und einer hauchdünnen Hülle aus Flugzeugaluminium, schuf er 1948 seinen VW-Spezial genannten Stromlinienwagen. Müller schaffte mit diesem Renner unter anderem 22 Gruppensiege und acht Weltrekorde auf der Strecke von Montlhéry/F.
Keine Motorsport-Herkunft, aber eine umso größere geschichtliche Bedeutung hat der schwarze Porsche 356 mit der Fahrgestellnummer 5047. Die Ziffernkombination steht für das älteste Coupé der Stuttgarter Renn- und Sportwagenschmiede, das heute noch existiert – und in Wahrheit nicht etwa für das 5047., sondern das 47. Fahrzeug aus Stuttgart. Zum Abschluss seiner Restaurierung erhielt es vor wenigen Jahren von einem italienischen Künstler das Farbkleid, das der Oberfläche eines Konzertflügels in nichts nachsteht – dank zeitgenössisch korrektem Nitrolack.

Vom ältesten Porsche-Coupé über Cisitalia und Le-Mans-Audi bis zu Schumis erstem Formel-1-Renner – das Spektrum im PROTOTYP ist weit.
Die meisten Exponate der Sammlung PROTOTYP entstammen dem Hause Porsche, wobei dessen Frühwerke die stärkste Fraktion bilden. Und Fahrzeuge wie etwa Otto Mathés Fetzenflieger oder Petermax Müllers Weltrekordwagen stehen in direktem technischen Bezug zu dieser Marke; sei es wegen der Porsche-Triebwerke oder wegen konstruktiver Details, die auf Prinzipien und Komponenten des Käfer-Vaters Ferdinand Porsche zurückgehen. Doch auch andere zum Teil schon fast vergessene Marken wie z. B. Borgward, DKW, Fulda oder Goliath legen Zeugnis von der seinerzeitigen Vielfalt der mehr oder weniger erfolgreichen Straßenfahrzeugen ab.
Mit Michael Schumachers Jordan, in welchem er 1991 zu seinem Debütrennen in der Formel 1 in Spa startete, und dem Audi R8R LMP Prototyp, mit dem Audi sich erfolgreich bei den 24-h-Rennen von Le Mans etablierte, finden sich auch moderne Rennboliden in der Sammlung wieder und machen das Erlebnis bei PROTOTYP rund.
Es sind indes nicht nur die Ausstellungsstücke, die begeistern: Den Machern ist es gelungen, eine spezielle Atmosphäre zu rekonstruieren: In den lichten Hallen umweht den Besucher das Motorengebrüll der Rennstrecke und der unverwechselbare Geruch von Rizinusöl und abgeschmirgeltem Renngummi. Gehen Sie hin – hören, sehen und riechen Sie selbst!




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