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2. November 2011 – 09:43 | Kein Kommentar

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Cadillacs in Beton

Geschrieben von am 25. August 2009 – 14:22
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Der Tanz ums Goldene Kalb. Über Kritik und Subversion in Wolf Vostells Berliner Skulptur.

Vostell 1Zwei Beton-Cadillacs in Form der nackten Maja, so betitelte der Künstler Wolf Vostell seine 1987 errichtete Skulptur in der Mitte des Kreisverkehrs des Berliner Rathenauplatzes. Es heißt, die Intention des Künstlers sei die Entlarvung des 24-stündigen Tanzes der Autofahrer ums Goldene Kalb gewesen. Eine zu höchst kritische Gegenwartsintervention. Das Kunstwerk ist in seiner Aussage komplex, subversiv und torpediert die Ideologie des deutschen Aufschwungs nach dem Zweiten Weltkrieg. Wir sehen die Symbole des amerikanischen Kapitalismus, zwei Cadillacs, in Beton eingeschlossen über unseren Köpfen aufragen, bedrohlich, unverrückbar, ein Klotz im gesellschaftlich-gedanklichen Gefüge. Allein schon der Titel spricht Bände.

Das Auto, hier konnotiert als kapitalistische Gottheit, die die alten Mythen zerstört und der wir 24 Stunden am Tag in ihren kleinen Ablegern huldigen, indem wir unermüdlich in diesen drumherumbrausen, ist in seinem Symbolgehalt wohlgewählt. Nicht nur werden Erinnerungen an den Fordismus wach, die Erfindung des Fließbands, das unsere Gesellschaft für immer verändern sollte, sondern auch der Umstand, was das Auto überhaupt für die Deutschen bedeutet. Mit diesem assoziieren wir Wohlstand, Freiheit, wirtschaftliche Stabilität – der Übergang zu einer rein materialistisch orientierten Wertegemeinschaft. „Technische Rationalität heute ist die Rationalität der Herrschaft selbst. Sie ist der Zwangscharakter der sich entfremdeten Gesellschaft. Autos, Bomben und Filme halten das Ganze zusammen [...]“.

Dieses Zitat aus der „Dialektik der Aufklärung“ könnte eingemeißelt am Fuße der Skulptur sein, denn auf nichts weniger wollte der Künstler hinweisen: Seht euch an, seht, wem ihr huldigt, und überlegt, wie es euch verändert. Das Kunstwerk ist umgeben von scharfkantig aus dem Boden aufragendenVostell 2 Betonsplittern, die die Gottheit schützen und die Annäherung (intellektuell meint dies Auseinandersetzung) verbieten; seinen Göttern huldigt man eben aus der Ferne. Nein, man muss nicht Adorno gelesen haben und auch kein Akademiker sein, um den kritischen Impetus der Skulptur sofort zu erfassen. Die massiven Bürgerproteste seinerzeit gegen die Aufstellung des Kunstwerks überhaupt legen davon Zeugnis ab – die Skulptur gilt als die umstrittenste der Berliner Nachkriegsjahre.

Vor nicht allzu langer Zeit (2006) wurde das Kunstwerk unter Leitung von Rafael Vostell, dem Sohn des Künstlers, vom Verein Pro City West e.V. restauriert und illuminiert. Die Kosten der Restauration beliefen sich auf 100.000 Euro. In Zeiten von Wirtschaftskrise und materieller Angst, um die das Leben der Menschen in den westlichen Gesellschaften allen voran zu kreisen scheint, in Zeiten, in denen wir uns mittels des Wagens, den wir fahren, definieren, in Zeiten, in denen ganze Volkswirtschaften von der Produktion und dem Verkauf dieser motorisierten Vehikel abhängen und sich sogar Regierungen gezwungen sehen, zu intervenieren (Obacht, Sozialismus!), ist eine Skulptur wie die Vostells in ihrem kritischen, das Denken weitenden Wert gar nicht hoch genug einzuschätzen.

Persönlich kann ich jedem nur empfehlen, wenigstens einmal in seinem Leben zu dieser Anti-Gottheit zu pilgern und sich genüsslich die unaufhörlich drumherumfahrenden, flitzenden, wuselnden Autos im Kreisverkehr anzuschauen. Dies ist, bei aller Schwere der Kritik, nicht zuletzt auch ein sehr humorvolles Szenario.

Eine weitere Bildergalerie zur Skulptur finden Sie hier.

siehe auch:

Eine Geschichte von Raum und Zeit

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