Kreuzberger Nächte sind lang
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Seit 2007 brennen in Berlin, vor allem in den Stadtteilen Kreuzberg und Friedrichshain, immer wieder Autos, vorzugsweise Luxuskarossen wie solche der Marken BMW, Porsche oder Mercedes. Letzten Sonntag waren es gleich fünf an der Zahl, nämlich ein Porsche, ein Mercedes, ein Jeep, ein Audi und ein Jaguar. Auf der eigens zum Nachvollzug eingerichteten Website Brennende-Autos.de, die jeden Tag aktualisiert wird, kann man Modell und Standort des in Flammen aufgegangenen Automobils auf einer Googlemap einsehen.
Die Frage, die sich nun stellt, ist: Warum?
Die Meinungen gehen zwar auseinander, doch hat sich zumindest die deutsche Presselandschaft auf Täter aus linksautonomen Kreisen geeinigt. Der Tat bezichtigt wurden schon militante Umweltschützer, Lausbuben und sogar die PKK. Doch die linken Übeltäter, die laut Presse politisch motiviert ihre Wut an den Edelkarossen auslassen, sind zum Konsenssündenbock avanciert. Persönlich bin ich mir nicht sicher, was politisch motiviert überhaupt in diesem Zusammenhang bedeuten soll, nehme aber die Tätermotivation als links-ideologisch benannt mal wieder mit Unbehagen zur Kenntnis. Denn Anschläge der deutschen Linken zuzuschreiben ist hierzulande eine allzu vorschnelle und tradierte Pressestrategie, die seit Gründung der Bundesrepublik nicht an Wert verliert. Und Rechte zünden natürlich keine Autos an. Das sind zwar Feinde der Demokratie, aber wenigstens keine anarchistischen Chaoten, die ihrem Zerstörungstrieb freien Lauf lassen. Wozu Autos anzünden, wenn man auch Menschen verbrennen kann? Bei aller gedruckten Schuldzuweisung, und die Presse überschreitet hier, wie so oft, die Grenze hin zu politischer Propaganda – Trauertal des deutschen Journalismus, der sich immer noch mit den Etiketten „objektiv“, „frei“, „aufklärerisch“ und „nuanciert“ schmückt, billiger Meinungsmache jedoch in nichts nachsteht –, wird eine Seite in diesem Zusammenhang kaum erwähnt.
Friedrichshain und Kreuzberg sind zwei der ärmsten Stadtteile Berlins. Gleichzeitig aber auch zwei der attraktivsten, die in den letzten Jahren sehr beliebt geworden sind und immer mehr Menschen anziehen. Das hat zur Folge, dass sich auch immer mehr Wohlhabende in diesen Bezirken ansiedeln. Spricht man nun mit einem Friedrichshainer über die Brandproblematik, so bekommt man eine ganz andere Einsicht in die Zündelmotivation. Nämlich, dass die wohlhabend Zugezogenen die Mieten derart hochtreiben, dass sich die alteingesessenen Berliner teilweise ihre Wohnungen nicht mehr leisten können, da mit den Wellen der Neuankömmlinge auch die Mietpreise steigen. Das Automobil nun ist bekanntlich nicht nur Lifestyle- und Modeobjekt, sondern allem voran Statussymbol. Mit dem gezielten Inbrandsetzen dieser Symbole wird eine Aussage formuliert, die da lauten könnte: Lasst uns in Ruhe, wir wohnen hier, und ihr seid nicht willkommen. Dies soll weder die redlichen Bürger der Stadtteile unter Generalverdacht stellen noch die Sachzerstörung in irgendeiner Art und Weise rechtfertigen.
Ich finde es nur interessant, dass dieser Aspekt der Geschichte, und es handelt sich höchstwahrscheinlich nicht um nur eine Tätergruppe, es wird ein Konglomerat aus allen genannten sein, so gut wie nicht erwähnt wird. Außer in der Tagesschau habe ich diesen Erklärungsansatz nirgends formuliert gefunden. Und der Leiter des Landeskriminalamtes (LKA), Peter-Michael Haeberer, hat nicht ganz Unrecht, wenn er behauptet, dass man seinen Porsche ja nicht unbedingt über Nacht mitten in Kreuzberg oder Friedrichshain auf der Straße parken muss. Also, ob Naturschützer, Linksradikale, PKK, gelangweilte Jugendliche oder wütender alteingesessener Mob, wenn Sie nach Berlin kommen, sollten Sie sich gut überlegen, wo Sie Ihr Auto parken – es sei denn, Ihr Wagen schreit nicht nach Dekadenz und Wohlstand.
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Hey Timo,
was nicht so recht passen will, in keinen der genannten Motivationstheorien, ist die Tatsache, dass nach längerem durchklicken durch die von Dir erwähnte Karte, eigentlich die Luxusschlitten nicht in der Überzahl der abgefackelten Karossen sind. Ich habe dort viele VW, Opels, Hondas, Chevys und Hyundais gefunden, welche allesamt kaum Zeichen einer übertriebenen Dekadenz sind. Dies nur als Statement ohne Aussage, vielleicht sind alle Ansätze einzeln zu extrem und die Warheit liegt, wie so oft schlicht und ergreifend in der goldenen Mitte.
LG,
Andrej
Da gebe ich dir recht, ich glaube auch, dass es sich, wie ich auch geschrieben habe, um ein Konglomerat handelt. Was die Luxuskarossen angehen, so glaube ich, dass das von der Wertung abhängig ist, wo Luxus im Automobilbereich überhaupt anfängt. Für dich sind die Luxuswagen vielleicht in der Unterzahl, für die Berliner Pyromanen allerdings zählt jeder Mercedes, egal wie alt er ist. Und auch die von dir genannten Marken haben allesamt Modelle, die den Gegenwert von 2-4 Jahren Mietzahlungen haben. Es ist allerdings auch eine Tatsache, dass oftmals ältere Kleinwagen, an denen man nicht gerade den Reichtum ihrer Halter ablesen kann, in Flammen aufgehen. Deswegen halte ich das Presseetikett “politisch motiviert” ja auch für übertrieben, da spätestens hier auch blinde Zerstörungswut deutlich wird.
Hey Jungs,
wer sagt denn, dass die Karte überhaupt korrekt ist. Viele Brand-Markierungen sind nur mit “unbekannt” gekennzeichnet, manche mit Herstellernamen, mal Mercedes, mal Mercedes-Benz, mal Daimler-Benz und manche Namen sind auch schlicht falsch geschrieben. Nur die Minderzahl weist auf exakte Fahrzeugtypen hin, was die Analyse erschwert. Bislang dachte ich immer es würden nur dicke, fette SUVs angezündet oder durch vier platte Reifen lahmgelegt. Und wenn dem so wäre, dann könnte ich es zwar nicht verstehen, geschweige denn gutheißen, aber nachvollziehen kann ich schon, dass ein großes Zwei-Tonnen-Mobil mit über 15 Liter Verbrauch nicht in jeder Staße wollkommen ist. Das ist es ja auch nicht in der Londoner City.
Gruß Thomas
@Thomas Wüsten Als Quelle wird die Berliner Polizei angegeben, Betreiber der Website ist die Tripsbytips GmbH, die die Karte zu rein informativen Zwecken eingerichtet hat. Was die korrekte Bennenung der Fahrzeugtypen angeht, bin ich auch ratlos, da scheint unsauber gearbeitet worden zu sein. Die Presseberichte beziehen sich allerdings auch auf Polizeiquellen und sprechen ebenfalls von luxuriösen Automobilen. Wobei, und es sei nochmals gesagt, die Wertung von “luxus” im Auge des Betrachters liegt.
“Und der Leiter des Landeskriminalamtes (LKA), Peter-Michael Haeberer, hat nicht ganz Unrecht, wenn er behauptet, dass man seinen Porsche ja nicht unbedingt über Nacht mitten in Kreuzberg oder Friedrichshain auf der Straße parken muss.”
Dass dieser Typ sich bei uns noch Polizist nennen darf, ist der eigentliche Skandal. Und das Ganze auf arme Kreuzberger und Friedrichshainer zu reduzieren, denen die Wohnungen zu teuer werden (im Wedding gibt´s sehr günstigen Wohnraum – iss leider nicht in), kann auch nur als Witz gemeint sein. Selbst vor acht Wochen gesehen im (bürgerlichen) Tiergarten, Holsteiner Ufer – BMW X5 (passt ja), VW Golf III Variant, 12 Jahre alter Ford Fiesta und Fiat Grande Punto abgefackelt. Nach drei Tagen war der X5 weg (Vollkasko?) Die anderen standen noch zwei Wochen da, denn die armen Schweine sehen keine müde Mark für ihre Karren und müssen sehen, wie sie wieder an einen fahrbaren Untersatz kommen.
Ich nehme an, Euer Fazit geht über das des Landesbeamten Haeberer (der übrigens anschließend meinte, er sei falsch verstanden worden) noch hinaus: Wer in Berlin Auto fährt, hat selber schuld!
Schönen Tag noch
P.S.: Tommy, warum hast Du uns übrigens Deine schöne Website vorenthalten?
@Gebhard “Und das Ganze auf arme Kreuzberger und Friedrichshainer zu reduzieren [...]” – niemand reduziert hier irgend etwas! Wie bereits erwähnt, es geht hier nur um Perspektiven. Und meine persönliche Meinung ist, dass es sich wohl um eine Vielzahl von “Tätern” mit ganz verschiedenen Motivationen und Hintergründen handeln wird. Sollten sich jedoch Friedrichshainer oder Kreuzberger beleidigt oder gar angegriffen fühlen durch diese Zeilen, bitte ich dies inständigst zu entschuldigen (ich wohne übrigens selbst in Kreuzberg). Aber deine spekulative Steigerung des Fazits gefällt mir irgendwie…
Liebe Grüße