Der neue Ford Focus RS oder der Beamte im Skaterdress
Kein Kommentar
3.586 views
Man nehme einen Beamten und tausche seine Stoffhose gegen eine Baggy-Cargo-Military-Hose. Tief in den Kniekehlen hängend, muss sie den Blick auf den Calvin-Klein-Slip freigeben. Das Cord-Sakko ersetze man durch eine daunengefüllte Helly-Hansen-Jacke. Als Letztes tauscht man noch das Hemd gegen ein Muskel-Shirt und garniert den guten Beamten dann mit einer Puck-die-Stubenfliege-Sonnenbrille. Und auf einmal sieht der brave Heinz wie ein cooler Extremskater aus.
So etwas in der Art ist auch dem braven Ford Focus wiederfahren. Schlank, praktisch, fünftürig und silber lackiert – das war vorher. Giftgrün ist der muskulöse Body nun, mit fettem schwarzem Spoiler- und Diffusorwerk. Zwei Tauerntunnel-gleiche Löcher im Heck versprechen jede Menge Akustik. Tief und breit kauert der Focus in der Parklücke. Focus? Nein. Nennen wir ihn ab jetzt besser „Der RS“.
Beim Verstauen des Kameraequipments und des Reisegepäcks wird „Der RS“ das erste Mal den Erwartungen nicht gerecht: Er hat einen riesigen Kofferraum. Nett, aber müssten wir uns in so einem Boliden nicht eigentlich einschränken?
Ein kurzer Blick auf die Niederquerschnittreifen und die Recaro-Sportsitze, schon schreit der Rücken vorsorglich um Hilfe. Einmal Platz genommen, staunt man dann nicht schlecht. Die Sitze sind fantastisch, man sitzt unglaublich komfortabel, wenn auch ein wenig hoch, hat aber perfekten Seitenhalt. Beim Einsteigen kann man sich an den Sitzwangen hervorragend den Steiß prellen.
Los! Startknopf drücken. Donnergrollen, Erdbeben, Detonation, Orgasmus? Nichts von alledem: Sehr gesittet brummt der Fünfzylinder los. Das Anfahren ist so schwierig wie in einem ganz ordinären Focus – gar nicht.
Es juckt unglaublich im rechten Fuß. Aber noch sind wir auf dem Werksgelände von Ford, wir wollen nicht schon hier die ersten Millimeter der Reifen epilieren.
Kurze Zeit später schwimmen wir durch den Kölner Verkehr, und ich mache eine Entdeckung, die fatale Folgen für den Beifahrer auf dem Rest der Reise haben wird: Nimmt man abrupt den Fuß vom Gas, wird der überschüssig gewordene Ladedruck über ein Ventil („Wastegate“) abgelassen. Der RS macht WUFF und der Beifahrer nickt – wahrscheinlich eher unfreiwillig. Das „WUFF“ hört sich allerdings so cool an, dass mir das Wohl meines Beifahrers herzlich egal ist.
Wir sind Skater. Erst waren wir ganz solide, jetzt sind wir wild & cool. Wir wollen in die Halfpipe, müssen aber 500 Kilometer Downhill fahren. Natürlich ist „Der RS“ sauschnell auf der Autobahn. Aber so richtig zu Hause fühlt er sich nicht. Bei Geschwindigkeiten jenseits der 230 liegt er dann auch nicht mehr so satt auf der Straße, sondern wird ein wenig nervös – häufiges Korrigieren ist angesagt. Ungefährlich, aber eben nicht cool.
Cool ist es dann aber schon, mit einem Focus beim Beschleunigen an einem Porsche Cayman dranzubleiben. Ausgebremst zu werden hingegen ist heute gar nicht so schlimm. Erstens beißen die Brembo-Bremsen zu wie ein Bullterrier auf Amphetaminen und zweitens gibt es so einen Grund zum Runterschalten und Beschleunigen.
Mehrere weggeschnupfte Sportlimousinen und 500 Kilometer später sind wir für heute angekommen, kurz vor der österreichischen Grenze. Glücklich und müde lächelnd wird pro forma noch festgestellt, dass „Der RS“ ja doch einiges säuft, 18,8 Liter und das alle 100 Kilometer. Wen interessiert’s?
Strich 130 auf welligen Österreich-Autobahnen. „Der RS“ leidet, wir noch mehr! Das erste Mal lässt mein Beifahrer mich in Ruhe und versucht nicht ständig, auch einmal ans Lenkrad zu kommen. Zwar macht „Der RS“ alles richtig, ist komfortabel und zurückhaltend, aber es ist soo langweilig.
In Wien angekommen, macht selbst sonst so verhasster Stadtverkehr jetzt Riesenspaß. WUFF! Wir treffen uns mit einem alten Freund. Er steht auf dem Rathausplatz und wartet auf uns. Na, der wird schön schauen! Mit „Dem RS“ kann man auch alteingesessenen Motorjournalisten noch in Erstaunen versetzen.
Denkste, weit gefehlt. Mit breitem Grinsen zeigt Freund Peter nach rechts. In fröhlichem Giftgrün, a.k.a Ultimate Green, steht ein zweiter „Der RS“ am Straßenrand. Reichte ein „Der RS“ bis hierhin aus, um Aufmerksamkeit zu erregen, zwei „Die RSse“, die im Konvoi durch Wien brüllen, Menschenaufläufe an jeder Kreuzung.
Österreich ist klein und besteht aus Wien, Salzburg und den Bergen. So der aktuelle Kenntnisstand. Kein Problem also, heute Abend noch schnell ins Kaunertal rüberzurutschen. 23.00 Uhr Abfahrtszeit und 576 noch zu fahrende Kilometer sind das Resultat dieser Fehleinschätzung. Mit 130 km/h natürlich. Wir fuhren, kamen an und schliefen ein.
Der nächste Morgen. Direkt vor uns windet sich die Gletscherpanoramastraße hinauf in die Berge. Die Gipfel liegen noch in den Wolken. Jetzt ist er zu Hause, „Der RS“. Das hier ist sein Territorium. Die Belohnung für das Vorangegangene. Hastig wird das Kameraequipment gecheckt, ein Frühstück runtergeschlungen. Und dann. Endlich, das Biest darf aus dem Käfig. Hinter der Mautstation nehmen wir die ersten Kilometer der 24 Kilometer langen Strecke unter die Räder. Bis hinauf auf 2.750 Höhenmeter, Kurve nach Kurve, durch vier Vegetationszonen. Geil! „Der RS“ schreit, brüllt sich den Frust der Autobahnkilometer aus dem Leib. Wir grinsen erst, lachen dann, schon beinahe hysterisch. Nächste Kurve. Runterbremsen, runterschalten, WUFF. Einlenken, direkt am Scheitelpunkt wieder voll aufs Gas. Kurze Gerade, dritter Gang, vierter Gang. Nächste Kurve. Langgezogene Rechts, im dritten Gang Vollgas. Haarnadel! Runterbremsen, zweiter Gang und wieder rauf aufs Gas. Wie auf Schienen gezogen zieht „Der RS“ seine Bahnen. Wie in Trance wird geschaltet, gebremst und Gas gegeben. Dieser Sound, diese Melange aus Pfeifen, Zischen, Quietschen und Röhren, es treibt einem die Freudentränen ins Gesicht. Ein Bild aus der Vergangenheit erscheint in meinem Kopf. Als kleines Kind habe ich diesen Sound schon gehört und geliebt. Es war der Röhrl auf seinem S1. Es klingt so unglaublich mechanisch infernalisch. WOW! So fühle ich mich heute. Kehre 21 fängt als weite Kurve an, macht dann immer mehr zu und endet in einer Haarnadel. Mitten in der Kurve einbremsen. Lastwechsel, aber „Der RS“ bleibt zahm, lenkt willig mit dem Heck ein. Ja, halleluja, wo sind denn hier die Grenzen? Der Klangteppich erfüllt das ganze Tal. Fahrradfahrer und andere Autos machen Platz und gaffen dem grünen Blitz hinterher. Mein Gott, ist „Der RS“ auf diesem Geläuf schnell.
Wir sind da. Auf 2.750 Metern. Den Powerknopf gedrückt und es wird still. Hier oben ist nicht viel zu hören. Außer „Der RS“. Der Kühler versucht tonnenweise frische Bergluft in den Motorraum zu blasen. Auspuff und Motor knistern um die Wette. Es riecht. Nach Gummi, Bremse und Hitze. Es ist ein bisschen wie bei der Zigarette danach, wenn man aus dem Trieb/Wahn/Traum aufwacht und die Realität sich langsam durch die verschleierte Wahrnehmung zurück ins Bewusstsein kämpft. Manchmal fragt man sich dann: „Was hab ich getan?“ Ein bisschen geht es mir heute so.
Ich hör Sie schon motzen, tuscheln und zetern, die Fahrrad- und Passatfahrer. „Ja muss das denn sein?“ „Wir kommen nach hier, um die Ruhe zu genießen!“ Und so weiter. Da kommen die Ersten. Und zum wiederholten Mal auf dieser Reise werden wir überrascht. Nicht ein einziger Mitgipfelstürmer beschwert sich, vielmehr werden wir bewundert und gelobt, über „Den RS“ ausgefragt und bestaunt.
In den nächsten zwei Tagen toben wir viele Male die Panoramastraße rauf und runter und machen uns Freunde. Motorradfahrer halten für einen kurzen Plausch an, Wandersleute winken uns zu, andere Autos machen Platz und halten uns den Weg frei. Wir sind jetzt hier berühmt. Der arme Kameramann kommt vor lauter Reden kaum zum Filmen. Doch einer, der liebt uns am meisten. Es ist der Franz mit seiner Shellstation. „Einmal waschen und vollmachen, bitte!“, hört er uns nur allzu oft sagen.
Bei den Skatern steht hinter der augenscheinlichen Leichtigkeit, mit der die Tricks von der Hand gehen, jahrelange harte Arbeit und Erfahrung. Genau so ist es auch bei „Dem RS“. Nur das Zusammenspiel von Erfahrung, Mechanik und Elektronik machen möglich, was wir hier erfahren durften. Die Grenzen der Physik scheinen zu verschwimmen. Dabei ist es nicht die schiere Geschwindigkeit, die so atemberaubend ist. Vielmehr ist es die Direktheit, das Gefühl und allem voran die Leichtigkeit, mit der alles passiert. Gratulation Ford, hier habt ihr echt was Phänomenales gezaubert. Danke!
PS: Aber wie immer mit dem Extremen – es wird normal. Wenn es vor zehn Jahren als tollkühn galt, einen Salto auf dem MotoX-Bike zu springen, so muss man sich heute dabei noch dreimal um die eigene Achse drehen, um überhaupt in die zweite Runde eines Turniers zu kommen. Soll heißen: Liebe Fordler, fangt schon mal an, den Nachfolger zu entwickeln. Ich freu mich drauf!
LG,
ar




