Car Style 2009 Hamburg
Ein Kommentar
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Ein unAUTOdoxer Erlebnisbericht von der car style 2009 in Hamburg.
Haltestelle Hamburg Dammtor. Ich schaue auf die offizielle Anfahrtsskizze, die auf der Website der car style dem geneigten Besucher wohlwollend zur Verfügung gestellt wurde, der ich die letzten zwanzig Minuten hoffnungsvoll
folgte und muss mir eingestehen, dass ich völlig verloren bin. Nachdem ich bereits in Berlin den Zug nach Hamburg verpasst hatte, da die Berliner Busfahrer eine recht eigenwillige Vorstellung von Pünktlichkeit zu haben scheinen, will ich nicht auch noch zu spät auf das Messegelände kommen, so dass ich mich auf die erstbesten Spaziergänger schmeiße, um den Weg zu erfragen. Vor mir steht ein sehr nettes, älteres Ehepaar und kümmert sich herzergreifend um mich. Der Mann ist klar am Steuer und untergräbt die Ratschläge seiner Frau bezüglich der Richtungsfindung vollkommen. Kein Wunder, dass Sie den Weg nicht finden, die Karte ist ja vollkommen falsch. Die entgegengesetzte Richtung müssen Sie einschlagen. Seine Frau schlägt ihrerseits noch eine Alternative vor, was ihr den missmutigen Blick ihres Ehegatten einbringt. Jetzt sei aber mal still, das kann doch ein Fremder nicht finden, und hör auf, mich die ganze Zeit zu unterbrechen. Zu mir gewandt, zementiert er seinen ehelichen Herrschaftsanspruch: Das gibt später noch Schläge, wenn wir daheim sind (lächelnd). Das klären Sie am besten unter sich. Ich danke für die Hilfe und mache mich auf den Weg.
Dieses leicht obskure Intermezzo war sinngemäß der perfekter Auftakt für eine Messe, die, als ich sie dann schließlich doch erreichte, genau auf dem eben genannten Frauenbild aufzubauen schien. Frauen begriffen als allenthalben schmuckes Beiwerk, als pornoerotischer Blickfang, als mundtotes Objekt. Ich betrete die Hallen archaischer Männlichkeit, einer bizarr anmutenden zur Schaustellung von Kraft, Protz und Kriegertum. Für mich persönlich auch ein sehr unAUTOdoxes Erlebnis: Ich fühlte mich wie Herbie, der in ein Männerbild à la 300 gepurzelt ist, die allesamt die Karren aus The Fast and The Furious fahren. Aber zu den Exponaten – atemberaubend, was man mit Autos so alles machen kann. Die ursprünglichen Modelle wurden bis zur Unkenntlichkeit gepimpt, getunt und aufgemotzt. Aus der Designperspektive gibt es Allerlei zu bemerken. Hier reichten sich Airbrush- und Lackierkunst die Hände auf höchstem Niveau. Flammen, Totenschädel und devote Frauenbildnisse dominierten den Bildgehalt, Tribalmuster, Metallicüberzüge und Chrom, wohin das Auge blickte; die Koketterie mit der allseits beliebten Sex- und Gewaltsymbolik.
Herausragend war sicher der Umbau eines Ford Mondeos im Frost-Look. In allen Varianzen, die die Farbe Blau so hergibt, hat der Besitzer sein Fahrzeug dem Motto Ice Age gewidmet und ein wahres Kunst- und Soundobjekt geschaffen. In kohärentem Kontext einer arktischen Landschaft präsentiert, schallte mir die volle Kraft der insgesamt 74! in das Fahrzeug eingebauten Speaker, neun Subwoofer und 15 Amplifier entgegen. Eine Beschallung, die ich sonst nur von großen Konzerten gewohnt bin, man fühlte sich wie im Inneren einer Bassbox. Daneben ein ganz in Neongrün gehaltener DODGE Stealth Twin Turbo mit einem 3.2-Liter-24-V-Motor als Herzstück und einer Spitzengeschwindigkeit von 350 km/h. Von der Soundanlage ganz zu schweigen.
Als Nächstes sprangen mir die Modelle gesponsert von FICKEN Likör ins Auge. Wahnwitzige Dragsters, ein DHL-Motorrad, was jedem Superheldengefährt das Wasser reichen kann und dem Pimp-My-Ride-Cousin eines Käfers. Im Showtruck dieses Austellungsteils saß ein leicht gelangweilt dreinschauender, von oben bis unten tätowierter Mann und rauchte. Habe ich erwähnt, dass auf der ganzen Messe geraucht werden durfte?
Ich setzte meinen Weg durch die insgesamt fünf Hallen plus Außengelände fort, vorbei an unzähligen Zubehörständen aller nur denkbaren technischen Spielereien und blieb erneut mit herunterklappender Kinnlade vor einigen Wagen stehen, die einer Liaison aus Dragster und 30er Jahre Oldtimer entsprungen schienen. Absurde Auspuffrohre zierten die flammenden Flanken eines anachronistischen Aristokratengefährts mit Holz- und Lederinterieur – phantastisch, ich habe mein Traumauto endlich gefunden!
Im krassen Gegensatz zu den aufwändigen Wagendesigns standen die Models. Ich will es mal so ausdrücken: Verglichen mit herkömmlichen Automessen schien es hier besonders auf die Knappheit der Gewandung anzukommen, Klamotten, die man sonst nur aus Pornofilmen kennt. Lack und Leder, Netzstrumpfhosen, Hot Pants und Schaftstiefel zierten die Damen, die sich teils barbusig, jedoch mit der Airbrushpistole bemalt (ein Service, der auch den willigen Besucherinnen zu Verfügung gestellt wurde), lasziv vor und auf den Autos räkelten. Von Sexappeal oder auch nur gutem Aussehen konnte nur schwerlich die Rede sein, den Besuchern schien es allerdings gefallen zu haben. Mein Geschmack ist dies bei Leibe nicht, weswegen ich auch zur Enttäuschung des ein oder anderen Lesers bewusst auf Photographien verzichtet habe. Ähnlich erging es mir bei dem Sexy-Car-Wash. Feucht wurde hier höchstens das Auto. Wobei wir schon mitten in den Events wären. Die Falken Drift-Show war durchaus spektakulär, wobei es hier auch nicht sehr viel mehr zu berichten gibt. Ich verweise an dieser Stelle einfach auf ein Video.
Besonders habe ich mich auf die Stunt-Show der Hamburger Stunt Unit gefreut. Auch hier bin ich zwiegespalten. Die Show war zwar absolut professionell, die gezeigten Stunts sauber und auf hohem Niveau durchgeführt, wichen aber vom Standard nicht ab: 90°- und 180°-Drehung vorwärts und rückwärts in einem Minicooper, der nur wenige Zentimeter nach jeweiligem Drift vor der Stuntassistentin zum Stehen kam, zentimetergenaues, rückwärtiges Einparken aus voller Fahrt zwischen zwei andere Wagen (einmal erwischte der Stuntman das vordere Auto, was wohl dem Gummiabrieb des Falkenteams auf dem Gelände Rechnung trug – so zumindest behauptet) und ein doch sehr schöner Stunt, bei dem sich der Stuntfahrer auf einen 2 Meter hohen Styroporblock stellte und die Assistentin unter diesem hindurchfuhr. Ein wahrer Augenschmaus war noch das Fahren auf zwei Rädern in engen Kurven mehrmals über das ganze Gelände. Für ein Team, das regelmäßig Fernsehproduktionen wie Tatort und Großstadtrevier betreut und sogar bei internationalen Blockbustern wie dem letzten James Bond oder Inglorious Basterds sich verantwortlich zeichnet, ein wenig dünn aufgetragen.
Bei der Show konnte ich auch noch einen Zuschauergesprächsfetzen ergattern. Sie: Ich möchte gern einen Twingo. Er: Ne, so ‘ne Klapperkiste kriegst du nicht. Was willst du denn damit, da kannste auch ‘nen Einkaufswagen fahren. Ein Twingo ist ein ausgespucktes Kaugummi in ‘nem Joghurtbecher! Und alles in norddeutschem Dialekt, herrlich! Dies spiegelte auch allgemein sehr prägnant die Mentalität der Besucher wider. Unter kurzgeschorenen und mit allerlei Klunkern behangenen echten Männern, die durchweg die im Fitnessstudio oder an der Theke trainierten Körper zur Schau stellten, muss ich in Mantel, Rollkragenpullover und schlampig frisierter Haarpracht wie ein Außerirdischer gewirkt haben; die Blicke auf mich sprachen zumindest Bände. So manch einer streichelte hier unter aufbegehrenden Tränen sein Traumauto, über das er Welt und Freundin vollends vergaß. So mancher mag sich über diverse Bizarrerien gewundert haben, wie einer sehr unmotiviert aufgestellten Schaufensterpuppe mit riesigen Brüsten im Blaumann oder dem Werbeschild vor einem Stand für Bekleidungsaccessoires, auf dem „THE WORLDS FIRST DRINK OUT OF A COCK TUBE“ angepriesen wurde. Und der Nachwuchs übte auch schon mal für kommende Messen. Beim Verlassen des Geländes hörte ich noch eine Frau gegenüber ihrem Mann bemerken, wie scheiße dagegen die IAA sei, sechs Hallen weniger dieses Jahr und noch nicht mal Prospekte – reine Abzocke ist das! Es gäbe noch viel zu berichten, doch die Sprache kann kaum ausdrücken, was die Photos vermögen. So sei es denn, lassen wir die Bilder sprechen. Hier geht es zur exklusiven Galerie.


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[...] unAUTOdox [...]