Auto-Mode: Bestseller altern scheinbar schneller – aber Nicht-Auto-Fans urteilen oft ganz anders
Ein Kommentar
557 views
Kaum zu glauben, Ende des Jahres erscheint schon die nächste Generation des VW Passat – ein paar Gedanken zum Altern beliebter Modelle.

Der noch aktuelle VW Passat Variant: In den Augen meiner Frau ein „schönes“ Auto – sie hält ihn fast für neu auf dem Markt.
Meine Frau und ich sind mal wieder gemeinsam ein längeres Stück Autobahn gefahren. Das gibt uns meist Gelegenheit für ungestörte Gespräche, über das Leben, über meinen Beruf und natürlich über Autos. Dabei wird die Meinung meiner besseren Hälfte nur von wenig Sachkenntnis getrübt. Es ist ihr auch völlig egal, welche Presseabteilung aktuell einen guten Job macht oder welches Modell gerade viele Vergleichstests gewonnen hat. Eben diese Unbekümmertheit ihres Auto-Geschmacks machte ihre Meinung für mich so wertvoll.
So fahren wir also von Oberhausen nach Köln, etwa mit 140 km/h auf der mittleren Spur der durchschnittlich belebten A3 und da sprudelt so eine ungefilterte Meinungsäußerung aus hier heraus: „Guck mal, das ist doch ein schönes Auto.“ Sie weist auf einen VW Passat Variant und nickt bestimmend. O. k., der Wagen ist frisch gewaschen und glänzt in der Sonne, als wir ihn überholen, aber das ist auch alles. „Was findest Du an dem denn schön?“, frage ich überrascht und füge gleich hinzu: „Den gibt es bereits sechs Jahre, Ende 2010 kommt sogar schon der Nachfolger.“ Ihre Antwort ist ebenso kurz wie unumstößlich: „Der sieht einfach gut aus.“

Wird seit über einem Jahr nicht mehr gebaut: Die Mercedes E-Klasse Limousine W211 – für die Wahrnehmung Unbedarfter immer noch so frisch wie neu.
Ein paar Autobahnkilometer weiter können wir eine Mercedes E-Klasse Limousine der letzten Generation (also einen W211) aus mehreren Blickwinkeln studieren. Der Fahrer hangelt sich direkt vor unseren Nasen von ganz links nach rechts, um die BAB zu verlassen. Meine Frau: „Der sieht doch auch klasse aus.“ Ich grübele ein wenig und sage gar nichts mehr – soll ich ihr wirklich erklären, dass bereits seit März 2009 der Nachfolger im Handel ist? Aktualität, Auto-Mode, was soll der ganze Quatsch? Ich frage mich, wie viele Autofahrer die Dinge wohl so locker und unengagiert wie meine Frau sehen. Vielleicht ist das sogar eine sehr gesunde Distanz zu einer Branche, die jede neue piepsende Assistenzkamera feiert wie einen Liter eingesparten Sprits.
Später, kurz bevor wir unser Ziel erreichen, kommen wir auf ein weiteres Auto zu sprechen. „’Ne Kollegin bei uns, die hat jetzt einen Mini Clubman“, verrät meine Frau, „weißt Du, diesen kleinen Kombi, hinten steht noch Cooper dran.“ Ich entgegne verdutzt, wieso ihr denn das auffalle, wo sie doch sonst nicht so auf Neuwagen achte.

MINI Clubman: Auto oder Mode-Artikel? Viele Frauen sind MINI-Fans – für sie ist der kleine Brite wie ein paar neue Schuhe oder eine tolle Handtasche.
„Vielleicht, weil der Wagen überhaupt nicht zu ihr passt“, lautet die entwaffnende Antwort. Aha, logisch. Auf Nachfrage erfahre ich dann, was die gute Frau zuvor fuhr, „so einen Golf, der ein bisschen höher ist.“ „Meinst Du einen Golf Plus?“ – „Ja genau, so einen wie ihn oft ältere Leute fahren.“
Es ist schon komisch, der gealterte Passat und die ausgelaufene E-Klasse werden nur oberflächlich wahrgenommen und dann kommt eine Kollegin mit einem Mini Clubman und Frau guckt ganz genau hin. „Weißt Du, Minis fallen mir immer auf, genauso wie dieser kleine runde Fiat“, erklärt sie offen. Es scheint eben neben Aktualität, Image und Wertigkeit noch andere Eigenschaften und Signale zu geben, die die Aufmerksamkeit steigern. Auto-Entwickler und -Designer sind gut beraten, wenn sie bei allem Sach- und Branchen-Verstand auch genau diese weichen Faktoren erahnen und in sogenannten Putzfrauen-Tests aufspüren können.



Das zeigt mal wieder, dass die Autobranche derzeit in einer großen Phase des Umbruchs steht. Den neuen, kleineren und umweltfreundlicheren Modellen wird die Zukunft gehören. Das lässt sich schon heute vielerorts erahnen.